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„Freier haben eine Verantwortung“

Das Café La Strada ist für viele Prostituierte in Stuttgart ein Ort, wo sie Ruhe finden können. Hier erfahren die meist jungen Frauen freundliche Wertschätzung, die sie im Rotlichtmilieu selten finden. Möglich machen das 15 ehrenamtliche Mitarbeiterinnen. Auch Renate Brunst (68) engagiert sich im La Strada. Sie sieht die Freier in der Pflicht, andere Wege zu gehen.

stuttgart.de: Die meisten Menschen engagieren sich im Sport- oder Musikverein. Warum sind Sie für Prostituierte da?

Renate Brunst:
Ich möchte gerne für Menschen da sein, die am Rande der Gesellschaft stehen und kaum Aufmerksamkeit bekommen. Diese Aufgabe habe ich im La Strada gefunden. Am Anfang war das allerdings schwer auszuhalten.

stuttgart.de: Woran lag das?

Renate Brunst: Ich musste mich in das Milieu einfinden, weil das sehr gegensätzlich zu meiner Lebenswelt ist. Manche der jungen Frauen nehmen Drogen und Alkohol, damit sie die Freier und die unwürdigen Situationen überhaupt verkraften. Die meisten Frauen kommen aus Rumänien und Bulgarien und werden zur Prostitution gezwungen.

stuttgart.de: Was bietet ihnen in dieser Situation das La Strada?

Renate Brunst:
Das Café ist ein geschützter Raum, in dem sie Ansprechpartner finden, sie bekommen zu essen, zu trinken und versorgen sich mit Kondomen, Gleitcreme und können sich aus unserer Kleiderkammer etwas aussuchen. Sie nehmen die Angebote gerne an, weil sie kaum Geld zur Verfügung haben. Ein Zimmer im Bordell kostet am Tag zwischen 120 und 140 Euro Miete – da müssen die Mädchen einige Freier bedienen. Und ein Freier zahlt im Schnitt 30 Euro. Für sie selbst bleibt am Ende kaum etwas übrig.

stuttgart.de:  Vertrauen sich Ihnen die Prostituierten an?

Renate Brunst: Die Mädchen sind zurückhaltend und können nur wenig deutsch sprechen. Die meisten kommen ja aus Osteuropa und werden oft mit falschen Versprechen gelockt. Wir haben zwar Sprachmittler, aber einen dauerhaften Kontakt können wir nur selten herstellen. Die Zuhälter oder Loverboys merken nach einiger Zeit, dass die Mädchen sich hier etwas aufbauen und dann werden sie ausgetauscht.

stuttgart.de: Besuchen Sie die Prostituierten auch in Bordellen?

Renate Brunst:  Ja, ich war kürzlich das erste Mal mit Streetworkerinnen in einem Bordell. In jedem Stockwerk sind fünf, sechs Zimmer, in denen ein Bett, ein Schrank und ein Waschbe­cken stehen. Mehr ist da nicht. Und die leicht bekleideten Mädchen stehen dann an ihren Türen und lassen sich von den Männern wie eine Ware begutachten.

stuttgart.de: Wie haben Sie das empfunden?

Renate Brunst: Ich war entsetzt. Die Blicke der Männer, wie sie die Mädchen von oben nach unten taxieren und wie sie dann zum nächsten Zimmer weiterziehen, wenn das Mädchen nicht ihren Gelüsten entspricht. Ich habe mich gefragt, wie sich die Mädchen wohl fühlen, wenn sie wie Vieh taxiert und für nicht gut befunden werden.

stuttgart.de:  Was suchen Männer im Bordell?

Renate Brunst: Es gibt noch deutsche Prostituierte in Stuttgart, die uns immer wieder einiges erzählen. Die Männer wollen in den Bordellen vor allem ihre Gelüste befriedigen, zu Hause haben sie dann die heile Welt. Das macht sich auch in den Wünschen bemerkbar. Es gibt Männer, die zum Gegensatz ihrer perfekten Ehefrauen, ungepflegte Frauen bevorzugen, oder einfach Praktiken ausüben wollen, die sie zu Hause nicht ausleben können. Und über diese Bedürfnisse können die Männer in ihrem Umfeld offenbar nicht reden, um vielleicht andere Wege zu gehen.

stuttgart.de: Dazu braucht es Mut und Selbstreflektion. Und der Blick in den Spiegel kann weh tun. Ist der Kauf von Frauen da der leichtere Weg?

Renate Brunst: Wenn Männer alleine sind, keine Partnerin haben, ist das vielleicht nachvollziehbar. Und auch nur dann, wenn die Männer zu Prostituierten gehen, die es freiwillig machen. Für mich ist die Zwangsprostitution schlimm, weil die jungen Frauen so ausgenutzt werden. Das ist so, wie wenn ich ein Billig-Shirt kaufe und nach dem dritten Mal wegwerfe. Und dann kaufe ich wieder was Neues. Viele Männer denken überhaupt nicht an ihr Gegenüber und blenden das einfach aus. Sie haben aber eine Verantwortung für ihr Handeln.

stuttgart.de:  Deshalb läuft momentan die Kampagne „Stuttgart sagt Stop“. Sie soll Freier zum Nachdenken anregen.

Renate Brunst: Die Wortwahl der Kampagne ist zwar derb, aber sie macht auf das Problem aufmerksam. Sie benennt die Dinge beim Namen und sie hat ja für eine starke Diskussion gesorgt. Solange es Freier gibt, die Frauen für ihre Gelüste brauchen, wird es diesen Markt geben. Und die Freier werden bislang auch nicht belangt, wenn sie eine Zwangsprostituierte aufsuchen.

stuttgart.de: Ein Treffpunkt für Freier ist das Leonhardviertel. Was würden Sie sich für das Viertel wünschen?

Renate Brunst: So wie es aussieht, soll das Züblin-Parkhaus in der Lazarettstraße entfernt werden, das seit 1974 dort steht. Dann könnten das Bohnenviertel und das Leonhardsviertel wieder zusammenwachsen. Es könnte so Raum für ein quirliges Leben entstehen mit Geschäften, Restaurants und Cafés. Das Viertel wäre dann nicht mehr nur ein zentraler Anlaufpunkt für Männer auf der Suche nach Lust.

Ehrenamtliche Renate Brunst

Renate Brunst engagaiert sich seit zehn Jahren ehrenamtlich im Café La Strada in Stuttgart, der Anlaufstelle für Prostitutierte von Stadt, Caritas, Aids-Hilfe und vom Verein zur Förderung von Jugendlichen mit besonderen sozialen Schwierigkeiten. Foto: Stadt Stuttgart

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