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„Der Körper war da, die Seele aber taub“

Sie weiß, was es heißt, Prostituierte zu sein. Tereza hat über vier Jahre im Leonhardsviertel gearbeitet. Wir haben sie gebeten, ihre Geschichte zu erzählen.

„Ich war 19 Jahre, als man mir angeboten hat, nach Deutschland zu gehen. Mir wurde eine normale Arbeit versprochen. Auf dem Weg von Rumänien nach Stuttgart hat man mir den Pass weggenommen. Ich bin dann in einem Hotel im Leonhardsviertel gelandet und musste gleich Männer von der Straße auf mein Zimmer holen. Auf mein Bett, in dem ich sonst schlief. Das war ein Schock für mich: Ich hatte das Gefühl, meine Welt bricht zusammen. Alles, was normal, was wirklich war, war weg. Ich war jetzt auf der dunklen Seite des Lebens.

Ich konnte kein Deutsch, also wurde mir beigebracht zu sagen: ‚Kommst du aufs Zimmer? Eine halbe Stunde? 50 Euro?‘ Die Männer haben oft das Handeln angefangen. Sie sagten: ‚50 Euro? Warum nicht 30? Oder gleich 20?‘ Sie fragten auch: ‚Muss es wirklich mit Kondom sein?‘ Oder: ‚Warum machst du nicht, was die anderen machen? Bist du aus Gold?‘ Die Männer haben mich spüren lassen: ‚Ich habe dich gekauft. Jetzt machst du, was ich will.‘

Ich habe sieben Tage die Woche gearbeitet, manchmal zwölf Stunden. Meist ging es nachmittags um 2 Uhr los. Jedes Mal habe ich gehofft, dass es der letzte Freier für heute ist. Aber der Hunger hat mich gezwungen weiterzumachen. Ich habe so lange gearbeitet, bis ich übermüdet, leer und fast verhungert war. Manchmal dachte ich mir: „Morgen fange ich früher an. Dann kann ich mir wenigstens was Ordentliches zu essen kaufen.“

Einmal hatte ich Hunger und wollte mir ein Brötchen kaufen für 55 Cent. Beim Bäcker merkte ich, dass ich das Geld dafür nicht hatte. Also musste ich weiter machen. Wenn ich am Tag fünf Freier hatte, war das genug Geld, um die Miete für mein Zimmer zu zahlen. Wenn was übrig blieb, hat das meist der Zuhälter weggenommen. Es ist so: Als Prostituierte verkaufst du dich, aber du kannst dir nichts dafür kaufen.

Ich lebte nicht mehr. Der Körper war noch da, aber die Seele war taub. Eigentlich spürte ich nichts mehr – vor lauter Schmerzen. Als Prostituierte machst du täglich zehn Vergewaltigungen durch. Die Männer, die kamen aus allen Gruppen der Gesellschaft. Die schlimmsten waren die Rentner, die wollten alles, ohne dafür zu zahlen. Wobei, noch schlimmer waren die 17-jährigen, die dachten: ‚Ich bin jung, ich kann was und ich werd’s Dir jetzt zeigen.‘

Normale Menschen schauten auf mich herab. Einmal kamen Jugendliche zu mir und bespuckten mich. Sie riefen: ‚Du bist Dreck. Warum gehst du nicht normal arbeiten?‘ Ich dachte mir nur: ‚Wie gerne hätte ich eure Chancen, eure Probleme.‘

Deswegen mochte ich auch die Dunkelheit lieber als den hellen Tag. Nachts haben mich die Alltagsmenschen oder die Kinder nicht gesehen. Da habe ich mich besser gefühlt. Es gab auch gute Momente: Vielleicht ein oder zwei Mal im Jahr sind Männer mit mir aufs Zimmer, haben 50 Euro auf den Tisch gelegt und sind dann wieder gegangen. Sie haben gesagt: ‚Du bist ein Mensch, ich will dir nicht wehtun, sondern dir einfach einen Freier ersparen.‘ Dann dachte ich: ‚Es gibt doch noch Menschen. Und auch ich bin einer.‘“

Tereza hat den Ausstieg aus der Prostitution geschafft; Unterstützung und Beratung hat sie im Café La Strada erhalten – einem Ort, an dem sich Prostituierte zurückziehen und ohne Angst Zeit verbringen können. Tereza Cocis führt heute ein „normales“ Leben. Sie arbeitet als „Streetworkerin“, sie ist im Leohardsviertel unterwegs, spricht mit Prostituierten und berät bei Bedarf.

Tereza möchte anonym bleiben, daher ist der Name geändert.

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Die Menschen haben auf sie herabgeschaut: Tereza hat im Leonhardsviertel als Prostituierte gearbeitet – und den Ausstieg geschafft.  Foto: Thomas Niedermüller

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